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Montag Mittag kommen wir endlich los. Die
letzten Gäste des Motorradtreffens sind inzwischen auf der
Autobahn, und wir stellen fest, daß der Händler, der die
hinteren Bremsbeläge für Susanns SP hat, nur noch bis 13:00
Uhr geöffnet hat. So hetzt Eric schnell zum Händler, und
Susann fährt noch beim ADAC vorbei, um eine
Auslandskrankenversicherung abzuschließen, die für
Tschechien nötig ist. Um 14:00 Uhr sind wir endlich auf dem Weg in
den Urlaub, doch von Urlaubsstimmung ist noch nicht viel zu
spüren.
Das Zelt lassen wir morgens auf dem Platz stehen und wir fahren auf einem Motorrad in die Stadt. Karlovy Vary (ehemals Karlsbad) ist ein alter Kurort mit Thermalbädern. Der Wohlstand zeigt sich in der schönen Innenstadt und dem alten Kurhausviertel, wo ein Haus und eine Fassade schöner als die nächste ist. Irgendwann müssen wir aber die Besichtigung abbrechen und das Zelt abschlagen. Wir wollen ja schließlich noch weiter.
Terezin (früher
Theresienstadt) ist
die nächste Station auf dem Weg nach Prag. Weltbekannt und
berüchtigt wurde Theresienstadt durch das, im November 1941 von
den Deutschen eingerichtete, Ghetto - ein Konzentrationslager für
Juden. Ganz Theresienstadt war damals eine Stadt hinter Gittern. Wir
schauen uns das „Ghetto Museum“ an, in dem versucht wird, an Hand von
Fotos und Dokumenten das Leben und Sterben im Ghetto begreifbar zu
machen. Besonders bedrückend sind die vielen Zeichnungen der
Kinder, die gezeigt werden und die die Ungeheuerlichkeit erschreckend
bewusst werden lassen.
Am Nachmittag
fahren wir nach Prag hinein, auf der Suche nach einer festen
Unterkunft, da die Campingplätze sehr weit außerhalb liegen.
Große Plakate locken uns zu einem Hostel, das Übernachtungen
ab 7$ bewirbt. Leider ist das Hostel schon voll, die Leute besorgen uns
aber telefonisch ein Zimmer in einem Studentenwohnheim direkt in der
Innenstadt für ca. 50DM. Wir können unsere Mopeds sogar
direkt vor die Rezeption stellen. Wir laufen uns am Abend noch die
Füße wund, um schon mal einen ersten Eindruck zu bekommen.
Morgens frühstücken wir in einem Internet Café, eines der zahlreichen ist gleich um die Ecke. Danach heißt es laufen und laufen: Wenzelplatz, Kirchen, die astronomische Uhr, die Karlsbrücke mit ihren ganzen Statuen, dahinter der Hradsch, die Prager Burg und das alte jüdische Viertel. Wir sind nur am Schauen und Fotografieren. Wir finden Prag toll, unheimlich viele alte Häuser und ein lebendiges Straßenleben geben der Stadt ein unvergleichbares Flair. Wir fühlen uns sehr wohl. Nach einem Abendessen mit ein paar Pils im U' Pivrnce, in der Nähe des Hostels, wo es für Prager Verhältnisse sehr günstig einheimisch zu essen gibt, fallen wir erschöpft ins Bett.
Am nächsten Tag geht es weiter, doch müssen wir erst einmal die Guzzis von der Taubenscheiße befreien. Die Biester hatten ihren Anspruch auf den Hinterhof auf ihre Weise manifestiert. Es scheint sowieso nicht Eric’s Tag zu sein. Beim Herausfinden aus Prag übersieht er beim Orientieren auf der Karte einen 10x10cm Stein auf der Straße und überrollt ihn. Zum Glück stürzt er nicht, der Stein muss gerade eben unter die Ölwanne durch gepaßt haben. Auch die Felgen sind noch rund. Nach kurzem innerlichen Abkühlen geht es weiter gen Süden. Wir können bald wieder kleinere Straßen nehmen, die sich angenehm durch die Landschaft schlängeln. Unser Ziel, Cesky Krumlov, erreichen wir zwar schon gegen 15:00 Uhr, aber bis wir schließlich einen Campingplatz gefunden haben, vergeht noch mal einige Zeit. Ein holländisch geführter Campingplatz in der Nähe scheint der einzige brauchbare in der Gegend zu sein. Er ist super ausgestattet, aber das Preisniveau ist dafür auch wie in Holland. Nach dem Aufbauen fahren wir nach Cesky Krumlov zurück und schauen uns die sehr gut restaurierte Altstadt mit ihrer auf einem Felsen sitzenden Burg, die schon von weitem zu sehen ist, an. Auf dem Campingplatz wechselt Susann noch ihre hinteren Bremsbeläge, die es inzwischen wirklich nötig haben.Heute machen wir mal richtig einen auf Camping, packen den Kocher aus und frühstücken in aller Ruhe auf dem Platz. Nur das Wetter ist noch nicht ganz so, wie es sein soll, auch heute ist es bedeckt mit ein paar Sonnenstrahlen. Gegen Mittag kommen wir endgültig los und fahren über kleine kurvige Straßen nach Slavonice. Wir lassen die Mopeds bepackt auf dem Hauptplatz stehen und erkunden die Stadt zu Fuß. Es gibt ein paar nett aussehende Häuser, aber insgesamt reißt uns das nicht vom Hocker. Aber 30km weiter, in Telc, bleibt uns doch erst einmal die Spucke weg. Die Altstadt ist um einen langgezogenen Platz angelegt, und ein Haus ist schöner restauriert als das nächste. Der Ort hat etwas von einer Puppenstube, und wir genießen das Herumschlendern in der immer wieder durchbrechenden Sonne. Nach einem gut belegten Brötchen für 50 Pfennige gehen wir wieder zurück zu den Motorrädern, die wir diesmal mit Gepäck am Zugang zur Halbinsel stehen gelassen haben. Querbeet fahren wir Richtung Olumouc, entschließen uns dann aber in Plumlov den Campingplatz zu nehmen. Ein sehr rustikaler Campingplatz mit hauptsächlich einheimischem Publikum, wahrscheinlich deswegen, weil in den Reiseführern hier nichts als sehenswert ausgewiesen ist. Aber es steht anscheinend nicht alles in den Führern. Gleich gegenüber vom Campingplatz, auf der anderen Seite des Sees, thront ein hoch aufragendes Schloß auf einem Felsen. Wir schauen es uns auf dem Weg zum Essen an. Es ist unrestauriert und wirkt wie ein verwunschenes Märchenschloß – wunderschön.
Am Morgen
geht es weiter nach Olumouc,
dem Rom Tschechiens, wie es genannt wird. Es ist ganz nett, wir
bestaunen die astronomische Uhr und einige Kirchen, aber es
überwältigt uns nicht. Auf dem Platz vor der astronomischen
Uhr, klar erkennbar als Touristen, werden wir noch als potentielle
Käufer für Pins erwählt. Aber nach dreimal Nein ist auch
diese Situation geklärt. Wir versuchen, nochmals in Wien
anzurufen, wo eine Freundin eine günstige Übernachtung direkt
in der Innenstadt wußte, doch leider erreichen wir wieder
niemanden. Also fahren wir einfach so Richtung Wien.
<>Der
Grenzübertritt nach Österreich ist kein Problem, das Fahren
in
der Stadt dann schon eher. Die Leute fahren wie die Schweine, und wir
haben das Gefühl, daß Deutsche bevorzugtes Opfer für
Schneide- und Abdrängmanöver sind. Das Forschen am
Westbahnhof nach einer festen günstigen Bleibe wird schnell durch
das Nennen von Preisen im dreistelligen DM-Bereich beendet, und wir
entschließen uns, wieder mal auf einen Campingplatz zu gehen. Wir
enden auf dem Platz "Neue Donau", gleich auf der anderen Seite der
Donau, wo wir den Abend stilvoll mit einem Wiener Schnitzel und Rotwein
beschließen.
Man errät schnell, hier bleiben wir nicht lange. Am nächsten Morgen nehmen wir die Fähre von der Halbinsel von Tibany auf die andere Seeseite und fahren querbeet durch Felder und Wälder, runter in den Süden von Ungarn, um dort noch ein paar alte Kirchen mit Kassettendecken zu besichtigen. Irgendwann versagt allerdings die Karte, und wir verirren uns in den Feldern, enden in einem Ort am Arsch der Welt, von wo wir uns dann wieder heraus fragen müssen. Aber schließlich finden wir die Kirchen, und die Kassettendecken stellen sich als zwar alte, aber nicht besonders hübsche Emporen heraus. Weiter geht es nach Osten in Richtung Harkany, wo uns laut Führer ein Campingplatz erwartet. Dieser ist auch da, und wir sind froh, endlich bei der Hitze die Klamotten auszuziehen und uns etwas luftiger zu kleiden. Als wir etwas abgekühlt sind, gehen wir in das nahegelegene Thermalbad, und entspannen die alten Knochen in den bis zu 40°C heißen Schwimmbädern. Ein super Abendessen rundet diesen Tag ab, und wir fallen erschöpft nach ein paar Flaschen Schwarzbier in der Campingplatzkneipe ins Zelt.
Auch
unser spartanisches Frühstück können wir vorne in der
Kneipe einfahren. Dann geht es aber bei flirrender Hitze los, durch
flache Landschaft, per Fähre über die Donau, immer parallel
zur Grenze des ehemaligen Jugoslawiens. Wir wählen die kleineren
Straßen, weil sich auf den großen Routen die LKW- Rennen
abspielen. Nach einigen Pausen kommen wir in Szeged an, eine Stadt, die
uns sehr positiv überrascht. Es ist eine tolle Stadt mit vielen
alten Plätzen und Häusern, die sehr lebendig wirkt. Nachdem
wir genug in unseren Ledersachen geschwitzt haben, fahren wir weiter
nach Norden, wo wir am späten Nachmittag auf dem Campingplatz in
Püspökladany ankommen. Hier hatten wir schon vor drei Jahren
auf dem Rückweg von Rumänien übernachtet, und wir
erinnern uns, daß man vom Platz einen direkten Zugang zum nebenan
liegenden Thermalbad hat, was wir dann auch wieder ausnutzen. Da das
Restaurant auf dem Platz keine warmen Speisen anbietet, können wir
- so entspannt - dann noch einen zwanzigminütigen Fußmarsch
in die Stadt machen, wo wir im einzigen offenen Restaurant der Stadt
ein
extrem leckeres Abendessen haben. In Miskole werden wir an einer
Ampel von
einem ungarischen Dominator-Fahrer mit Sozia angesprochen. Sie wollen
wissen, ob wir auch nach Schirock fahren. Es dauert einige Zeit, bis
wir verstehen, daß sie wissen wollen, ob wir auch zu dem
großen Motorradtreffen nach Sirok fahren. Wir entschließen
uns, das mal anzuschauen, obwohl uns die Größe von 6.000
Leuten doch etwas skeptisch macht. Aber es liegt sowieso an unserer
Strecke Richtung Budapest, und so fahren wir zu viert weiter. In Eger
machen wir einen kurzen Zwischenstop, um uns in den örtlichen
Weinkellern ein kleines Zweiliterfäßchen Wein abfüllen
zu lassen. Auf der Strecke nach Sirok werden es immer mehr
Motorräder, und der Eingangsbereich des Treffen, ein enger Zugang
zu einem Tal, bestätigt unsere Befürchtungen. Die Posten sind
von irgendeiner Rockertruppe, Eintritt ist pro Person 70DM für
zwei
Nächte, und schon am Eingang hört man den Lärm vom
Platz.
Unser neuer ungarischer Bekannter überredet den Chef, uns mal
für eine halbe Stunde reinzulassen, damit wir uns mal umschauen
können. So laufen wir einmal die Stichstraße auf und ab, und
es ist wie erwartet: hin und her rasende Endurofahrer zwischen den
Fußgängern, mit Wheelieeinlagen untermalt von dem
ohrenbetäubenden Lärm eines netten Zeitgenossen, der seinen
Vierzylinder die gesamte Zeit am Drehzahlbegrenzer hält. Das ist
nicht ganz unsere Welt, und wir sind froh, als wir, ohne von einem der
übermütigen Teilnehmer über den Haufen gefahren zu
werden, wieder die Landstraße erreichen. Diese Strecke ist echt
ein Highlight, nur läßt uns die aufkommende Dämmerung
etwas vorsichtig sein, um nicht in einer der vielen Kurven auf einen
unbeleuchteten Verkehrsteilnehmer zu treffen. Kurz vorm Dunkelwerden
finden wir einen Campingplatz, nehmen noch einen Imbiß und leeren
das kleine Weinfäßchen - leckeres Stöffchen.
Hier
laufen wir
erst einmal ein Hostel an, aber dieses ist erstens voll und hat
zweitens auch keinerlei Informationen über sonstige
Übernachtungsmöglichkeiten. So werfen wir einen Blick in die
Campingkarte und entschließen uns, einen Campingplatz nach dem
anderen abzuklappern. Anfangen tun wir mit einem Biker Campingplatz mit
30 Plätzen, von dem wir erst einmal annehmen, daß er
für Fahrradfahrer ist. Aber weit gefehlt, was sich hinter dem
unscheinbaren Tor in einem Wohngebiet verbirgt, ist vom feinsten, ein
Campingplatz nur für Motorradfahrer (Webseite
http://www.bikercamp.hu/). Zsolt, der Besitzer und
Mitorganisator der Transdanubia, hat seinen Privatgarten mit
großer Wiese zum Campingplatz umfunktioniert. Die sanitären
Anlagen sind klasse gepflegt, Getränke stehen per Strichliste zur
Verfügung, und das Besitzerpaar ist unheimlich hilfsbereit. Wir
bauen auf und fahren mit der nahen U-Bahn in die Stadt zum Essen. Das
empfohlene Kellerlokal ist nicht der Hit, wir sind wohl in ein
Touristenlokal gekommen. Da es wie verrückt zu schütten
beginnt und es auch nicht mehr aufhört, fahren wir zurück zum
Campingplatz, wo wir uns die Zeit damit vertreiben, uns ein paar
Dreherpils reinzudrehen und den Geschichten von Zsolt über die
Härten der Transdanubia zu lauschen.
Durch den schweren Regen in der
Nacht,
ist der Seitenständer von Erics Guzzi eingesackt und die Maschine
umgefallen. Zum Glück war sowieso nicht mehr viel Benzin drin, und
außer einem zerbrochenen Blinkerglas scheint auch nichts passiert
zu sein. Nach der Schönheitsreparatur gibt es ein
Frühstück auf dem Platz, bevor wir uns Budapest Teil II
geben. Auf dem Weg in die Stadt schauen wir uns das tolle
Kunstgewerbemuseum an, bevor wir starren Halses durch die Innenstadt
von Pest laufen. Einen Abstecher machen wir mit einer antiken U-Bahn
zum Landwirtschaftsmuseum, das von außen durch seine vielen
verschiedenen Baustile glänzt, bevor wir auf die andere
Donauseite,
nach Buda, auf die Burg fahren. Leider ist die Matthiaskirche nicht zu
besichtigen, so nehmen wir als Alternative das Labyrinth unter der Burg
in Augenschein (sehr gut gemacht) und steigen auf die Fischerbastei,
von
der man einen unverbauten Blick auf Pest hat. Wir schlendern quer durch
die ganze Burganlage und die Altstadt zum Schloß, steigen dann
wieder hinunter zur Donau, von wo wir mit Bus und Bahn zurück zum
Platz fahren. Wir hatten für den Abend Plätze im nebenan
liegenden "Paprika Csarda" buchen lassen. Es wird ein kultureller Abend
mit Tanz und Gesang, die Darbietungen und das Essen sind gut und
reichlich. Als wir auf den Platz zurück kehren, sind noch zwei
Motorradfahrer gekommen, zwei Italiener, die ganz brauchbar englisch
können. Es wird noch ein langer Abend.
Ein paar Kilometer weiter geht
es
über die Donau in die Slowakei hinein. Auch hier ist der
Grenzübertritt nur eine Frage von Minuten, und auch ein
Bankautomat ist schnell gefunden, der uns wieder mit dem nötigen
Kleingeld versorgt. Wir fahren querbeet nach Zvolen, wo auf der
Michelinkarte ein Campingplatz eingezeichnet ist. Den Campingplatz gibt
es tatsächlich, er ist zwar direkt an der Straße, aber
erstens gibt es nicht viel Verkehr und zweitens ist ein nettes
Gartenlokal angeschlossen.
Als wir am nächsten
Morgen losfahren wollen, bemerkt Susann, daß ihr Kupplungszug den
Geist aufgibt. Da wir auch für dieses Problem vorgesorgt haben,
tauschen wir ihn in aller Ruhe im Schatten und danach schlüpfen
wir mit gewaschenen Händen wieder in die Handschuhe. Über
die, schon vom Campingplatz zu sehende, Niedere Tatra geht es
hinüber ins nächste Tal, wo sich vor uns die Hohe Tatra mit
Bergen von immerhin mehr als 2.500 Meter aufbaut. Wir besichtigen zwei
Campingplätze in der Gegend, wovon sich der erste als Sumpfwiese
heraus stellt. Auf dem zweiten ist Sumpf kein Thema, da die Wiese so
eine Neigung hat, daß man sich morgens immer in einer Ecke des
Zeltes wiedergefunden hätte. Auf dem gleichen Platz in Tatranska
Strba gibt es aber auch Hütten, die zwar total überteuert
sind, aber wir haben einfach keine Lust zum Suchen. So buchen wir mal
für zwei Tage und quartieren uns häuslich ein. Der Tag ist
noch so jung, daß wir mit der Zahnradbahn nach Strbske Pleso
hinauf fahren, ein Ort in dem vor 20 Jahren mal die Olympischen Spiele
stattfanden. Wir sind wohl die einzigen, die in Treckingsandalen (in
Ermangelung von adäquatem Schuhwerk) hier oben rumlaufen, und als
wir uns so genug als Dummtouris geoutet haben, fliehen wir vor der
Kälte wieder ins Tal.
Als Tagesausflug für den
nächsten Tag haben wir uns die Dobschauer Eishöhlen als Ziel
genommen. 50km später sind wir da. Das Motorrad müssen wir
auf dem Parkplatz abstellen und die 1,5km zu Fuß zum Eingang der
Höhle aufsteigen. Wir kommen gerade noch rechtzeitig zu einer
Führung, die leider - wie alle anderen auch - in Slowakisch
abgehalten wird. Aber auch ohne Erklärung ist es imposant. Es ist
praktisch ein Gletscher im Berg, teilweise auch mit Eisstalakmiten. Es
ist saukalt, und die Motorradkluft, die wir bei unserem Weg bergauf
verflucht haben, hält uns jetzt warm. Wieder draußen, fahren
wir über kleine, einsame Straßen durch ewige Wälder
nach Levoca, einem schönen Ort in der Nähe, mit einer
lockeren
Atmosphäre auf dem großen Hauptplatz, um den sich einige
Straßencafes gruppiert haben. Auch die hoch über dem Ort
gelegene Basilika schauen wir uns an, von wo wir einen herrlichen Blick
ins Tal haben. Dann geht es zurück zur Hütte, wo wir aus den
am Straßenrand von Zigeunern gekauften Pfifferlingen etwas
leckeres zaubern. Im Eifer des Gefechts haben wir aber immer noch viel
zu viel für den ganzen Eimer bezahlt, ein Gesprächsthema
für den Abend.
Oswiecim,
früher Auschwitz, ist unsere erste Station in Polen, wo wir erst
mal das Lager I besichtigen. Auschwitz braucht man ja nicht zu
erklären, vielleicht nur in soweit, daß Lager I den
befestigten Teil darstellt und etwas von einer Kaserne hat. Die
strahlende Sonne gauckelt einem eine friedliche beschauliche
Atmosphäre vor, aber die in den Gebäuden untergebrachten
Ausstellungen bringen einen schnell wieder hinunter auf den Boden der
Tatsachen. Als Deutscher fühlt man sich irgendwie automatisch
schuldig. Wenn es noch eine Steigerung gibt, dann ist es das
Selektionslager Auschwitz II, besser bekannt vielleicht unter dem Namen
Birkenau, wenige Kilometer entfernt. Wer z.B. den Film "Schindler's
Liste" gesehen hat, ist mit den Örtlichkeiten etwas vertraut. Der
Eingang ist dieses Tor, durch das die Eisenbahnschienen zur
Selektionsrampe führten. Drumherum stehen auf der einen Seite die
schier endlosen Reste der Pferdeställe, wie sie genannt wurden,
die Kamine. Auf der anderen Seite sind die stabileren Behausungen
für die Frauen. Von beiden "Typen" von Behausungen stehen nur noch
wenige komplett, aber es ist fast unfaßbar, daß in diese
langgestreckten Hütten 400 bis 700 Menschen reingepfercht wurden.
Bei dem herrlichen Sonnenschein sieht alles so unschuldig aus, mit dem
Hintergrund des Wissens aus Bild und Schrift nimmt es aber schnell eine
sehr reale Gestalt an.Als wir am nächsten Morgen aufstehen, regnet es. Nach dem Frühstück hat es aber zum Glück aufgehört, und wir fahren auf langsam abtrocknenden Straßen aus der Stadt nach Nordosten. Es muß ziemlich stark geregnet haben, die Straßen in den kleinen Orten stehen teilweise unter Wasser, das dann auch die Ausbrüche im Kopfsteinpflaster verdeckt. Aber wir umschiffen alles souverän auf unseren Italienern, die alles klaglos mitmachen. Nachmittags kommen wir in Sandomierz an, beeindruckt von der imposanten Ansicht, die der hoch oben auf einem Felsen liegende Ort bietet. Die Innenstadt reißt aber nicht unbedingt vom Hocker, ganz schön ist nur die Führung durch das Labyrinth unter der Stadt.
Kazimiers Dolny ist unser Ziel
für
den Abend, weil die Karten auch hier einen Campingplatz anzeigen. Beim
Durchfahren des Ortes finden wir keine Hinweise auf Camping, dafür
aber jede Menge junge Leute, die mit Rucksack umherlaufen. Nach ewigem
Nachfragen finden wir den Campingplatz außerhalb des Ortes. Es
ist eher ein Hotel mit einer Art dahinter liegendem Acker, der zum
Campingplatz erklärt wurde, aber für eine Nacht... Die ganzen
Kiddies sind im Ort, erfahren wir, weil es ein Filmfestival an diesem
Wochenende gibt. Vielversprechend hört sich das Konzert auf dem
zentralen Platz an, wir hören es schon von weitem. Und als wir auf
dem Platz ankommen, tobt die Menschenmenge angesichts einer Kapelle aus
Rumänien, die mit Blasinstrumenten eine Wahnsinnsstimmung machen.
Die Truppe sieht aus wie eine Dorfband, bringt aber mit ihren schnellen
Zigeunerrhythmen den vollen Platz zum einheitlichen Wippen bis
Springen.
Der Auszug der Kapelle gleicht dann mehr dem Rattenfänger von
Hameln, die halbe Masse folgt ihnen tanzenderweise noch bis vor’s
Hotel. Entsprechend beschwingt, mit einer ergatterten CD, gehen wir
wieder zum Campingplatz zurück.
Morgens lassen wir unser Zelt
stehen und fahren
in die Innenstadt. Das Wetter ist super, und wir können in praller
Sonne erforschen. Torun gefällt uns sehr gut, eine Menge
schöner Häuser und eine große Fußgängerzone.
Was uns auffällt, sind die Menge Leute, die zu der Zeit, wo wir
frühstücken, mit Bierdosen (in Benutzung natürlich)
herumlaufen. Irgendwann fahren wir weiter nach Malbork. Die Strecke ist
nicht besonders aufregend, eine Art Bundesstraße.
Überraschend ist nur ein Teilstück von ca. fünf
Kilometern, das nicht geteert sondern gepflastert ist, und das bei der
Breite einer Prachtstraße. In Malbork finden wir schnell unser
Ziel, es ist auch kaum übersehbar - es ist die alte
Kreuzritterburg, die am Ufer der Nogat thront. Ein beeindruckendes
Bauwerk, das zu seiner Zeit als Vorbild für eine uneinnehmbare
Festung für viele andere diente, und das als die weltweit
größte Backsteinanlage gilt. Nach dem Obolus von 18DM pro
Person können auch wir uns einer der polnischen Führungen
anschließen. Das ist zwar ziemlich sinnlos, da sie wie gesagt in
polnisch ist, aber eine, wenn überhaupt verfügbare, deutsche
Führung würde 45DM kosten. Da kaufen wir lieber einen der 6DM
teuren, kleinen Reiseführer, die den Rundgang Schritt für
Schritt begleiten. Wir staunen angesichts der riesigen Ausmaße
und der Ausstattung der Anlage. 
Nachdem
es abends ja noch sehr schön sonnig war, ist der Himmel am Morgen
leider recht zugezogen. Aber von so etwas läßt sich ein
Tourist nicht abschrecken, und so nehmen wir die nächste
Straßenbahn in die Stadt. Als wir dann bei ziemlich frischem Wind
das erste Mal über den Marktplatz gehen, ist es leer, und wir
haben Zeit, uns alles anzuschauen. Wir haben Fotos der Innenstadt,
aufgenommen nach 1945, gesehen, aber was wir jetzt sehen, sieht aus,
als ob es nie einen Krieg gegeben hätte. 90 % der Innenstadt waren
damals zerstört, doch die polnischen Restauratoren vollbrachten
ein kleines Wunderwerk, indem sie die Häuser nach alten Vorlagen
wieder aufbauten. Ein altes Haus reiht sich an das nächste, die
Fassaden sehen aus, als ob sie alle Zeiten überstanden
hätten. Phantastisch! Wir gehen weiter an der Hafenpromenade
entlang, die voll mit Souvenirständen ist. Aber auch als wir in
die Seitenstraßen ausweichen, ändert sich das Bild wenig.
Die Häuser sind in einem Topzustand, und die Straßen voll
mit Ständen. Es ist wie auf einem Riesenflohmarkt. Auch uns reizt
es zum Stöbern und Schauen, und manchmal müssen wir uns doch
erinnern, daß wir ja eigentlich wegen Gdansk hier sind,
Flohmärkte gibt es auch zu Hause. Schließlich kommen wir
wieder auf den großen Platz, der inzwischen brechend voll ist.
Wir lungern noch ein bißchen in der Sonne herum, haben aber
irgendwann genug und fahren zurück zum Zelt.
Das Ziel des nächsten Tages
ist
Berlin, wir lassen uns Zeit, denn wir wollen erst abends bei einem
Freund dort einlaufen. Das Wetter spielt auch mit, und wir nehmen
kleinere Straßen hin zur Grenze, wo wir südlich von Szczecin
auf deutschen Boden wechseln. Der Grenzer fragt noch neugierig, wo wir
waren, und prüft unsere Aussage nach vier Wochen Osten mit der
Nachfrage nach den Autobahnvignetten nach. Aber wir haben keine
Autobahnen benutzt. Nach Berlin fahren wir weiter auf kleinen
Straßen, die wenig befahren sind, erst ab Wandlitz wird es voll,
und wir reihen uns in die Schlange der Autos Richtung Innenstadt. Ein
paar Tage entspannen wir noch in Berlin, bevor wir die letzten 550 km
nach Mainz in Angriff nehmen. Wir kommen doch glatte 200 km weit, dann
beginnt der erste richtige Stau, an dem wir seit langem wieder
teilnehmen dürfen. Wir sind zu Hause!
Eric Koch und Susann Hinz
31.1.2001