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Formule1
(veröffentlicht in Motalia Heft 190)
Als bekennender Frankreichfreund, speziell was Straßen- und kulinarische Genüsse angeht, zieht es mich auch Anfang jeden Jahres in den Süden, wenn die Natur dort normalerweise schon einiges weiter ist als hier. Als Termin hat sich eine der Osterwochen ergeben, in der ich dieses Jahr schon zum 10. Mal mit unterschiedlichen Freunden den Weg an Lyon vorbei suche, um durch die Ardéchègegend, die Cevennen oder die Provence zu streifen. Dieses Mal hat Roger, ein holländischer Freund auf seiner 1000S, mich begleitet.
„Irgendwas
läuft falsch“
denken wir und schauen wieder aus dem Fenster des Formule1 in
Valence. Draußen schneit es dick und fett. Und das hier, 150km
vor dem Mittelmeer. Irgendwas stimmt doch nicht, wir sind vor zwei
Tagen bei 20°C in Mainz losgefahren und auf den bisherigen 800km
wurde es immer kälter und nun das. Es stellt sich wieder einmal
die Sinnfrage. Wir suchen den Sinn in der Wettervorhersage am Abend
und diese macht uns wieder Hoffnung. Entlang des Mittelmeers soll es
die kommenden zwei Tage sonnig sein. Es gibt ein Leben nach dem
Schnee!
Am kommenden Morgen packen wir unter den mitleidigen Blicken der frühstückenden Mitbewohner im Schneefall unsere Motorräder. Es gibt keine Experimente, wir fahren direkt auf die sonst verpönte Autobahn gen Süden. Roger verzichtet auf das 100.000er Foto, er hat auch keine Lust anzuhalten. Nach 100km wird es hinter Avignon schließlich so trocken, daß wir wieder auf die Landstraße gehen. In Apt nehmen wir einen ersten Café au lait zu uns, aber für die Terrasse ist es noch etwas zu windig. Auf kleinen Landstraßen geht es über Rians, Salernes, Draguignan und Grasse nach Vence auf einen Campingplatz. Der Platz ist leider etwas außerhalb, so müssen wir abends mit den Motorrädern in die Stadt. Vence hat den Ruf einer Künstlerstadt und die vielen Galerien werden ihm gerecht. Auch sonst gefällt sie uns mit ihren vielen kleinen Gassen. Als eines der besten Restaurant auf der Reise können wir das Cassolette empfehlen, wo es ein wirklich vorzügliches Mahl mit einem sehr aufmerksamen Inhaber gab.
Zum
Warmwerden fahren wir am nächsten
Morgen auf ganz kleinen Straßen von Carros über Aspremont
nach Contes, um über Peille nach Monaco reinzufahren. Eine
schöne kleine Strecke, die uns die Küstenstraße
erspart. Im Moncaco laufen wir mit unseren schraddeligen Guzzis vor
dem Spielcasino ein und parken bei den ganzen Rolls und Bentleys.
Hier kommt alles nur auf die Show an, nicht ganz unsere Welt und nach
ein paar Fotos geht es bei Menton wieder hoch in die Berge bis auf
den Col de Turini. Schon wieder Schnee, scheint uns zu verfolgen,
dabei ist der Pass nur 1600 Meter hoch, schnell wieder runter ins
Tal, wo wir bei Roquebilliéré übernachten.
Ausgerechnet heute am Montag hat das einzige Restaurant Ruhetag, aber
der Shoppi ein paar Kilometer weiter liefert alles nötige zum
Sattwerden.
Trotz der 610 Meter über NN ist die Nacht nicht so kalt wie befürchtet. An St. Martin vorbei in einer Schleife wieder zur Nationalstraße, wo wir in Carros tanken, bevor es wieder auf kleine Nebenstraßen geht. Durch Le Broc und Bouyon nach Roquesteron geht meine Lieblingsstrecke auf der ganzen Reise. Guter Belag, fahrerisch wertvolle Streckenführung mit wunderschöner Landschaft, und das bei Sonnenschein, was will man mehr? Bei Puget biegen wir wieder auf die Nationalstraße ein, fahren hoch durch den Gorges de Daluis. Der rote Fels sieht am Nachmittag in der Sonne einfach klasse aus und reizt zu diversen Fotostops. Bei Guillaume biegen wir nach Norden ab, wir wollen trotz des „Col Fermé“ Schilds mal versuchen, ob man nicht doch über den Col de Champs kommt. Aber fünf Kilometer vor dem Paß liegt Schnee auf der Straße und auf die letzten 300 Höhenmeter dürfte das nicht besser werden. Wir drehen in Sichtweite des Passes um und fahren über den Croix de Valberg durch den Gorges du Cians zurück in die Wärme. Oben bei Valberg sah der Himmel schon wieder nach dem schlimmen S-Wort aus. Aber unten pfeift zwar der Wind scharf durch das Tal der Var, aber wir finden auf dem Campingplatz hinter Entrevaux einen relativ windstillen Platz, wo wir unsere Zelte aufstellen können. Ein Fußweg führt am Ufer entlang in die Stadt, und jetzt haben wir etwas mehr Zeit als vorhin beim Vorbeifahren, um uns dieses, das Tal beherrschende, Fort und die Stadt anzuschauen. Direkt auf einer Handelsroute gelegen diente es in der elektronikfreien Zeit früher wohl als Mautstation. Besonders beeindruckt hat uns die Festung, die wie ein Adlerhorst oben auf dem Bergkamm sitzt.
Wir wollen wieder Richtung Küste
und versuchen den direkten Weg zu nehmen. Von Entrevaux immer
südlich
auf kleinsten weißen Straßen. Die Strecke bis Brianconnet
ist aber nur anstrengend, erst an St. Auban über den Col de
Bleine vorbei bis nach St. Vallier wird es schön. Das kurze
Stück Route de Napoleon bis zur D2563 ist schnell und kalt. Bis
Fayence reißt uns die Strecke auch nicht vom Hocker,
oder
eigentlich schon, denn sie ist eher für Endurofahrwerke.
Dafür
ist die kleine D19 nach Bergamon brauchbar. Über Comps fahren
wir auf die Südseite des Gorges du Verdon ein. Die Straße
und die Aussichtpunkte bieten immer wieder beeindruckende Blicke
hinunter in die Schluchten. Leider muß man immer wieder um
Salzhaufen herum zirkeln, die zur Eliminierung des immer noch
liegenden Schnees eingesetzt wurden. Der starke Wind verstärkt
die Kälte auch noch. So sind wir froh, bei Aiguines wieder auf
Seelevel zu kommen. Ein kurzer Blick nach Moustier und die
Entscheidung, daß es hier zu kalt ist zum Zelten, dann drehen
wir nach Süden ab und fahren nach Le Luc, wo wir auf einem
Campingplatz ein angenehmeres Klima finden. Der E.LeClerc am Ort
versorgt uns mit allem fürs Abendessen.
Es ist Zeit an die Rückreise zu denken, und Roger's „letzter Wunsch“ ist, noch einmal das Mittelmeer zu sehen. Bis Cogolin nehmen wir die kurvenreiche D558, ein Stück auf der langweiligen N98 lang, bis wir über den Col du Canadel auf einer kleinen unbelebten, reizvollen Strecke zum Mittelmeer runterschwingen. Die Küstenstraße ist um diese Jahreszeit nicht so belebt, und wir genießen bei Sonnenschein in Le Lavandou einen letzten Blick aufs blaue Meer. Auf kleinen Straßen geht es hoch durch das Massiv des Maures nach Collobriéres, dann über Pierrefeu über Barjols nach Manosque und Apt nach Nordwesten. Wir wollen die letzte Nacht im Süden in St. Martin d'Ardéche verbringen, wo wir einen netten Campingplatz kennen (Arneau Bateaux). Die Schneefälle der letzten Woche haben hier auch Spuren hinterlassen, der Boden ist noch ungewöhnlich feucht. Wir verbringen den Abend in bei einem köstlichen Essen zu einem äußerst angemessenen Preis im Le Chaudron auf dem anderen Ufer der Ardéche.
April 2005