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Guzzi Wellness
oder
Was der Seele gut tut!

erschienen in Motalia Januar/2010

Nachdem die alljährliche Ostertour dieses Jahr aus familiären Gründen ausgefallen ist, keimte doch der Wunsch nach einer Woche Motorrad-Wellness hoch. Leider war nur ein Zeitfenster im Juli für Roger und mich gemeinsam noch frei, was Roger die rote Fahne heben ließ, was Südfrankreich angeht. Es wäre ihm zu warm. Aber mein Vorschlag auf größtmöglicher Höhe durch die Alpen nach Slowenien zum Fischessen zu fahren wurde angenommen.

Typisch Sommer – wir verfolgen die Woche vor dem Start die Vorhersagen mit den diversen Regengebieten. Roger reist aus Holland an, kommt tatsächlich trocken an. Bis wir am nächsten Morgen loskommen, dauert es noch ein wenig. Ich hatte am Vortag entdeckt, dass der Rotor der Piranha einen Riss hatte und sich auf dem Nocken verdrehte. Das Ersetzen brachte meinen Zeitplan etwas durcheinander und so ist am Abfahrtsmorgen noch der letzte Check und die Federeinstellung zu machen. Aber schließlich geht es doch los, und wir segeln mit gutem Rückenwind das erste Stück über Autobahn bis kurz vor Würzburg. Von dort geht es über Landstraßen (sehr schön die B290) mit einer kleinen Rast und Schmaus an einem Kirschbaum immer weiter gen Süden bis wir am Abend einen sehr netten Campingplatz am Elbsee in Aitrang finden. Wir nutzen das Freitagsspecial des Restaurants nebenan und stimmen uns schon mal mit Fischgerichten auf das Kommende ein.

BenzinpreisAm nächsten Morgen geht es über Füssen (mit einem kurzen Fotostop bei Neuschwanstein) nach Reutte in Österreich und nach dem Tanken und einem netten zweiten Frühstück im M-Preis gleich wieder über die Grenze am Plansee vorbei nach Ettal, eine Erholung nach dem letzten Teilstück. Es gibt kaum Verkehr. An Garmisch-Patenkirchen vorbei, folgen wir danach ein Stück der Isar. Mir ist allerdings beim Kartelesen entgangen, daß dies tatsächlich eine Mautstrecke ist, aber die 3€ ist es wert. Über herrlich wenig befahrene Strecken fahren wir beim Achenpaß wieder hinein nach Österreich. Wir folgen dem Zillertal (keine Schürzenjäger zu sehen) und dem Gerlostal über den Gerlospaß (nächste Mautstrecke = 4€) an den Krimmler Wasserfällen vorbei bis Mittersill. Das Wetter spielt mit, und wir genießen wenig befahrene Straßen mit vielen Kurven. Wir wollen an dem Tag noch so weit wie möglich nach Süden und beschließen durch den Felbertauerntunnel zu fahren (Maut = 8€, man zahlt ja gerne, wir sind in Übung, und es ist ja für einen guten Zweck...). Die letzten Kilometer bis Lienz sind eher Pflicht und keine Kür, und wir sind froh, als wir dort auf dem Camping Falken ankommen. Das einzig Erwähnenswerte ist eine Tankstelle, die für SuperPlus statt der sonst üblichen 1,28€ nur 1,05€ haben wollte. Das fällt mir noch ein paar mal auf, es steckte aber kein System dahinter, der nächste Ort ist wieder „normal“. Nach einem kurzen Mahl schauen wir uns die Stadt an, die ohne Regen bestimmt mehr hergemacht hätte.

WurzenpassAm nächsten Morgen nehmen wir das Goretexfutter raus! Auf dem Wurzenpaß können wir es so richtig krachen lassen, 20% Steigung machen nicht viel aus und der Verkehr hält sich sehr in Grenzen (Note 1). Was müssen das für Zeiten gewesen sein, als unsere Altvorderen sich hier mit Käfern und Goggomobil rüber gequält haben. Der Vrsicsattel in Slowenien ist trotz der Besuchermassen, die wir oben treffen (es ist Wochenende und offensichtlich ein beliebtes Ausflugsziel) schön zu fahren. Von der Straßenqualität hat sich Slowenien den Platz in der EU verdient (satte 2). Im Tal in Bovec gibt es an dem Campingplatz eine Pause, auf dem Martin und ich damals auf der Kroatientour von 9/11 erfahren hatten.
Die Straße bis Nova Gorica ist super zu fahren, man muß nur auf die Sheriffs aufpassen, die ein waches Auge auf den Verkehr haben. Der Rest der Strecke - wir nehmen auch teilweise die Autobahn, um uns nicht zu sehr zeitlich zu vertüddeln - ist eher nervig. Und komplett genervt sind wir dann von dem Ausflugsverkehr am Meer. Beim Anhalten an der Ampel merken wir erst, wie glatt der Asphalt ist, aber von Regen sind wir bei annähernd 35°C und brütender Sonne weit entfernt. Froh auf dem Campingplatz in Portoroz anzukommen zu sein, beschließen aber gleich beim Aufbau angesichts der Gruppen von Party-machenden Jugendlichen, daß der Campingplatz wohl eher nichts für mehr als eine Nacht ist. Abends flanieren wir mit den anderen 100.000 auf der Promenade entlang und essen in einer Cantina einen leckeren Fischteller.

NachtFischplatteNach einer teilweise lauten Nacht und einem naja-Frühstück sehen wir zu, daß wir Land gewinnen. Roger war auch noch nicht in Kroatien, deswegen fahren wir bei Secovlje nach Kroatien rein, dann auf kleinen einsamen Straßen über Sterna, Livade und Buzet zum Grenzübergang Marsici und wieder rein nach Slowenien. Bis Divaca nehmen wir die Autobahn und werden dann beim letzten Abfahren von der Autobahn über das slowenische System aufgeklärt - wir dürfen noch 7,50€ für eine Wochenvignette abgeben (Maut, wir sind's gewohnt). Die hätten wir uns eigentlich vorher kaufen müssen, sind aber die ganze Zeit durch irgendwelche unbesetzten Mautstationen gefahren. Naja, Pech. Auf Nebenstraßen geht es an der Skocjarske Jam vorbei nach Pivka, weiter über Postonja und Idrija nach Tolmin, wo wir die Landstraße bis zum Campingplatz bei Bovec nehmen. Ein Genußfahrtag, wenn man von dem Autobahnteilstück zu Anfang absieht. Bovec selbst ist nicht mehr wieder zuerkennen seit dem letzten Besuch 2001. Viel restauriert, viel neue Gastronomie, nett. Vom Campingplatz sind es nur 5 Minuten zu Fuß in die Stadt.

PloeckenpassNassfeldpassNach Italien fahren wir über den Predilpaß, der sich unspektakulär angenehm ins Tal schlängelt (2-3). Wir folgen dem Raccolana Tal bis zum gleichnamigen Ort und fahren weiter nördlich über den Nassfeldpaß wieder nach Österreich rein. Es ist zwar bedeckt, aber der Paß macht seinem Namen zum Glück keine Ehre und die Goretex Membranen bleiben weiterhin eingepackt. Wider Erwarten ist die österreichische Abfahrt von der Straßenqualität nicht besser als die italienische Seite, eher schlechter (ebenfalls 2-3). Bei Kötschach queren wir den Plöckenpaß nach Italien rein. Nicht einfach zu fahren, die vielen Kehren/Kurven in Tunneln treiben den Blutdruck hoch (2+ für nicht Vollgasfetischisten). Unten in Paluzza fahren wir auf die Nebenstrecke nach Comeglians und von dort aus weiter nach Lozzo. Ein Traum, nichts los, die Zahl der Autos, die wir auf diesen 60km treffen, übertrifft nicht 10, und sie ist es wirklich wert gefahren zu werden (eine glatte 2 auf der Notenskala).
Wir fühlen uns wie Entdecker, Roger Columbus und Eric Cook on tour... (nein nicht Captain Kirk, das ist ein anderes Jahrtausend). An Pieve vorbei geht es noch auf unserem kleinen Paßmarathon bei Valle auf den Passo Cibiana (3+) und den Passo Duran (glatte 3, relativ durchwachsener Belag), an Falcade vorbei auch noch über den Passo Valles (satte 2 mit schönen Kurven und meist gutem Belag). Bei Cavalese finden wir dann dank Rogers Garmin den Campeggio Calvello, ziemlich abseits gelegen, fast nur mit kleinen Terrassenplätzen und kleiner Bar, wo es leider nur Mikrowellenmenus oder brauchbare kalte Platten gibt. Die Lage und Ausstattung schlägt sich leider nicht im Preis nieder, der genauso hoch wie auf 3-5 Sterne Plätzen ist. Von den 1165m über Null merken wir nichts, es ist angenehm.

ZeitstrafeFür den nächsten Tag hatten sich Columbus und Cook die Entdeckung der Ost-West-Passage zwischen Cavalese und Mandello vorgenommen, sprich auf kleinsten Straßen den kürzestem Weg zu suchen. Auf der kleinen Kammstraße oberhalb des Val di Cembra (mindestens eine 2) geht es nach Trento, von dort weiter nach Tione auf gut ausgebauten, aber frequentierten Bergstrecken. Kurz vor der italienischen Siesta wird der Entdeckerdrang gebremst. Knallhart schlägt der Arm des Gesetzes in Form eines Dorfpolizisten zu/hoch, weil ich beim Überholen innerorts die durchgezogene weiße Linie überfahren hatte. Schwerer Ausnahmefehler, er nimmt sich in der brütenden Sonne alle Zeit der Welt sein Formular auszufüllen. Kostenpunkt 38€. Dabei fallen mir gerade noch die jungen Wilden in Italien ein, die sich in Shorts und T-Shirt auf ihren Renner schwingen und direkt nach dem LeMans-mäßigen Start noch mal kurz einen Wheely mitten im Verkehr hinlegen. Ich glaube inzwischen, daß das zur italienischen Führerscheinprüfung gehört und damit toleriert wird. Kann ich leider nicht mit punkten.


BerninapassGeschwisterÜber Bagolino fahren wir auf den Croce Domini, der trotz seiner gemischten Straßenqualitäten super ist, auch weil er etwas anspruchsvoller und vor allem leerer ist (1-). Breno, Borno, Castione, Clusone, wir erkennen schließlich, daß wir unsere Tagesplanung über Zogno, Vedeseta, Cortenova nach Bellano nicht schaffen können. Die Erfahrung der Ost-West-Passage an einem Tag ist gescheitert. Der Verkehr ist immer dichter geworden, und es ist spät. Per Rogers Garmin machen wir einen Campingplatz am Ostufer des Lago di Garlate aus und lassen uns dorthin über Zogno und Almeno führen. Zum Glück haben wir eine Karte und Augen, denn das Garmin zeigt uns 5km vor dem Campingplatz immer noch 50km Weg an. Es bestätigt mich nur, der ich kein Freund von diesen Teilen bin. Man ist zu unflexibel. Entweder plant man eine Route und ist dann auch vom Ablauf festgelegt oder man hat jeden Tag ewige Programmiererei, wenn es denn überhaupt zu einer flüssigen Route zusammenfaßbar ist. Ich fahre lieber nach Karte, aber das ist nicht jedermanns Ding.
Ziemlich fertig kommen wir bei 32°C auf dem Campeggio Rivabella an, bauen unser Zelt auf und gehen nach dem Duschen (auch mißglückte Helden brauchen Körperpflege) in die nahe Empfehlung des Patrone, ein chinesisch italienisches Restaurant. Das stellt sich als echter Treffer raus, ich esse eine echt leckere Pizza mit einem riesigen 0,66l chinesischen Bier und Roger mal was chinesisches mit Getränken für 20€. Das ist absoluter Schnäppchenrekord auf dieser Tour.

Was soll man schon machen, wenn man so nahe an Mandello ist, man fährt halt mal vorbei. Leider sind wir für das Museum viel zu früh (publikumsfreundliche Öffnungszeiten von 15:00-16:00, die Museumsbediensteten wußten übrigens bei email-Anfrage nichts von einer Werksschließung), so müssen wir halt stattdessen etwas shoppen. Es werden ein paar Kupplungszüge und Bremsbeläge für mich, weil meine hintere Bremse schon fast auf dem Stahl ist. Von Bellagio nehmen wir die Superstrada, die wenigstens kurzfristig in den Tunneln immer wieder mal Abstand von den kuscheligen 32°C Außentemperatur gewährt. Eigentlich wollen wir über Chiavenna zum Albulapaß fahren, aber ich verpasse die Abzweigung (die Hitze macht etwas tranig), und ehe wir uns versehen sind wir schon fast in Sondrio. So nehmen wir die nächstbeste Variante, den Berninapaß (immer wieder supergut, die wissen schon wie man Straßen baut, die Schweizer, glatte 1). Nach den obligatorischen Paßfotos fahren wir die paar Kilometer wieder runter nach Livigno zum Tanken. Selbst hier im Tal ist es heiß, und wir verlegen die Pause auf den Passo die Foscagno (nicht schlecht, eine ehrliche 2).

UmbrailpassSuedrampeDie Südrampe des Stilfser Jochs ist meiner Meinung nach immer noch die schönere von beiden. Ich bin kein Freund von stumpfem Kehrenzählen. Abwechslungsreich geht es immer höher, bis uns oben auf der Paßhöhe das übliche Halligalli empfängt. Fotosession und wieder ein Stück zurück zur Abzweigung des Umbrails, den anscheinend viele nicht fahren, weil er ein kurzes Stück unbefestigt ist. Der Rest ist aber auf alle Fälle der Mühe wert (auf jeden Fall Note 2). Unten in Sta. Maria biegen wir nach Westen Richtung Ofenpaß ab, ein Gaspaß mit Spaßfaktor 2.

Über Zernez und Susch fahren wir nach Scuol, wo wir auf dem stadtnahen Campingplatz übernachten. Ich wechsle hier noch schnell die hinteren Bremsbeläge mit Hilfe eines Zeltnagels, die genauso aussehen wie vermutet. Hier müssen die alten Schweizer Franken herhalten. Aber selbst nach dem Umrechnen wird aus den großen Zahlen nicht viel weniger, eine normale Pizza für 12€ ist schon nicht schlecht, aber irgendwie müssen die Straßen ja finanziert werden.

ScuolAus dem gemütlichen Frühstück auf dem Campingplatz wird nichts. Als wir um 7:00 aus den Zelten kommen, begrüßt uns im Westen eine dunkle Wolkenfront. Wir legen einen Blitzstart hin, ziehen die Goretexfutter wieder ein und fahren Richtung Fernpaß. Erst bei Imst fühlen wir uns sicher genug und frühstücken. Am Fernpaß (Note 6, aber eher verkehrsbedingt) müssen wir aber schließlich doch die volle Regenmontur anziehen. In Füssen geht es wieder auf die Landstraße, raus aus der Schlange nach Marktoberdorf, wo ich noch einen Kocher für den nächsten Urlaub kaufe. Über kleine Straßen geht es über Markt Rettenbach, Babenhausen, Illertissen, Laupheim und Ehingen Richtung Norden. Wir arbeiten ein wenig nach dem Hasenprinzip, taucht die dunkle Wand vor uns auf, biegen wir ab. Unsere Idee ist zum Abschluß noch die Überquerung des Schwarzwaldes. Das geht so ganz gut bis kurz vor Tübingen. Das Gasthaus in Sichtweite des Unterstandes zum Anziehen des Regenzeugs nehmen wir dann auch . Irgendwann ist mal Schluß.

Nach einem ausreichenden Frühstück geht es weiter, aber wir müssen erkennen, daß das Wetter nicht mehr mitspielt. Wir streichen den Schwarzwald. Auf der Autobahn geht es bis Bruchsal, von dort schließlich auf der B9 Richtung Mainz. Nachdem wir nach 60 regenfreien Kilometern das Regenzeug wieder ausziehen, fängt es doch prompt 20km vor zuhause noch mal richtig an zu regnen. Aber eigentlich nichts besonderes, kenne ich irgendwie.


Das waren 3.100km in 9 Tagen, man fühlt sich erschöpft aber zufrieden danach – so muß Wellness aussehen. Nur das Sitzfleisch war etwas durchgewalkt, aber wir sehen es einfach mal als Massage. Die temporäre Hitze ist dann das dazugehörige Dampfbad. Die Stadlerjacken mit dem herausnehmbaren Goretexfutter bewähren sich unter diesen Bedingungen übrigens supergut. Zum Premiumanspruch paßt nur nicht die Diskussion mit Stadler, die ich mal über den kaputten Frontreißverschluß hatte. Es hat Spaß gemacht, wir haben viel gesehen. Der Fisch in Slowenien war exzellent (Preis für den Fischteller übrigens 15€), aber auch sonst konnten wir nicht klagen. Beide Guzzis liefen gut. Ich habe zur Zeit die Avon Roadrunner drauf, Roger fährt Bridgestone. Gegenüber den Bridgestones nutzen sich die Avon herrlich rund ab und sind auch nach 10000km sauber in den Kurven zu bewegen. Dafür sind sie etwas unhandlicher. Die angebliche Unfahrbarkeit bei Regen kann ich nicht bestätigen. Für die Statistik - wir fahren in Deutschland bei 1,36€ SuperPlus Preis los, in Österreich sind es nur noch 1,26€ (bis auf diese Ausnahmetankstellen), in Slowenien 1,13€, in Italien ist der Preis wie in Österreich gewesen und in Livigno waren es gerade noch 91cents.

Eric Thane
Juli 2009